Auf die Augen #1: Tetsuo

Tetsuo: The Iron Man ist ein Film über einen Mann, der langsam aber sicher zum Cyborg mutiert. Viel wurde geschrieben über diesen Film und ich hab ihn vor kurzem erst gesehen. Auf moviepilot.de habe ich dann diese Rezension geschrieben, is mir doch gut gelungen:

„Das war also Tetsuo, der Film, von dem ich schon so viel gehört und ihn nie gesehen habe. So kurz nach dem Genuss dieses Meisterwerks wird es mir schwer fallen, alles adäquat in Worte zu fassen, was mir während des Films durch den Kopf wie die Bilder über den Bildschirm geschossen ist. Nun gut, dann wollen wir mal.
Erstmal ein ärztlicher Warnhinweis: Dieser Film ist nichts für Epileptiker.
Die Story ist unmöglich wirklich korrekt zusammenzufassen. Da geht es um einen normalen japanischen Angestellten (im Fachjargon auch Sarariman genannt), der stetig mutiert, und zu dem der Zuschauer im Laufe dieser Mutation immer mehr die Beziehung verliert. Was ist diesem Mann passiert? Wo liegt überhaupt die genaue Ursache dieser Verwandlung? Hat schonmal jemand das Wort kafkaesk in Zusammenhang mit diesem Film benutzt? Bestimmt. Kafka auf Speed.
Optisch erinnert das ganze vor allem an den expressionistischen Stummfilm und designmäßig oft an Mangas wie Akira und Konsorten. Die Schwarz-Weiß-Ästhetik wird bis aufs letzte ausgenutzt, viele Details verschwimmen in Stop-Motion-Gewusel, durch das eine Vielzahl von brillianten visuellen Einfällen durchdringt und auf den Zuschauer niederprasselt.
Die Handlung wird mit zunehmender Entwicklung des Mannes in ein Maschinenwesen immer abstruser, erst „überrascht“ er seine Freundin (?) mit einem rotierenden, offensichtlich erregierten Metallpenis, dann bleibt ab hier irgendwann hauptsächlich das Duell zwischen einem weiteren Charakter (oder der Frau vom Beginn des Films, die sich selber schon komplett transformiert hat?), und am Ende (Spoiler) ist diese/r mit dem Sarariman komplett vereint, mit dem Plan, die ganze Welt in Metall zu verwandeln.
So weit, so kompromisslos, so mitreißend, so zeitlos.
Denn was ist auch heute immer noch so aktuell wie die Entfremdung des Menschen von sich selbst und seiner Natur durch, ja, Technik? Shinya Tsukamoto erschafft in diesem prägnanten Cyberpunk-Epos eine Art Back-to-the-roots-Botschaft. Allerdings völlig ohne Back-to-the-roots. Auch ohne kitschiges Öko-Getue. Und ohne Bambi. Und sogar ohne Farben. Durch die gesamte Optik und Hektik des Films, die Hoffnungslosigkeit und letztlich das Bedrohliche seines Hauptcharakters zieht sich als roter Faden der orientierungslose Mensch, der in einer Welt, die sich zu schnell weiterentwickelt, nichts anderes tun kann, als sich dieser zu ergeben. „NEW WORLD“ sieht man zweimal im Film auf einem Metallgitter in Großbuchstaben stehen; und diese „NEW WORLD“ ist eben keine schöne, sondern eine voller Drähte, Rohre, Stahl und Rost. Da bleibt keine Seele mehr für Liebe, selbst das Essen erkennt unser Sarariman in einer Szene zusammen mit seiner Liebsten als etwas rein technisches. Man kann sich an dieser Stelle fragen: Inwiefern ist der Mensch selber mehr Technik als Natur? Ist der menschliche Körper nicht selber ein ausgeklügeltes Werkzeug? Oder ist das, was der Mensch erfindet ebenfalls Natur? Diese Fragen stellt der Film bewusst, lässt sie aber auch bewusst unbeantwortet.
Fazit: Für diesen Film sollte man sich einen ruhigen Tag aussuchen, am besten einen verregneten, an dem man nichts anderes mehr vorhat. Wenn man sich dann aber darauf einlässt, wird man belohnt mit einem Werk, das auf der einen Seite punktuell beeindruckt und auf den Zuschauer direkt einwirkt, auf der anderen Seite aber vor allem lange in einem nachhallen wird.“

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Eine Antwort zu “Auf die Augen #1: Tetsuo

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