Ein Statement zu Ed.Wibeau

Es ist meiner Meinung nach wichtig, ab und an im Bestehen eines Projektes eine Bestandsaufnahme zu machen und damit so etwas wie ein Statement abzugeben, durch das man selbst und vor allem andere erfahren, wer oder was man ist und wo man hin will. Natürlich ist diese Meinung stark beeinflusst vom Kapitalismus und seinem Marketingdenken. Doch in meinem Fall sage ich: Kunst ergibt die Zeit und Zeit ergibt die Kunst. Organisation ist seit jeher zwar Feind von sinnstiftendem Chaos und mir daher eigentlich völlig fremd, allerdings sehe ich nach bald zwei Jahren, die ich mit diversen Projekten im Netz vertreten bin, dafür die Zeit gekommen. Man kann das folgende also als eine Art Selbstbetrachtung lesen, allerdings sollte man diese nicht als solche unter den Tisch kehren. Bei Montaigne macht das ja auch keiner.

Den folgenden Teil darf man auch überspringen. (Wer oder was ist also Ed.Wibeau? Besser gesagt, was führte letztendlich zur Entstehung dieser Mischung aus Kunstfigur und eigener Persönlichkeit? Angefangen hat alles im Alter von 16 Jahren, ich lerne Gitarre und beginne schnell aus meinem Drang heraus, alles was ich selber irgendwie anfange oder lerne auf eigenständige Art und Weise zu verarbeiten, eigene Songs zu schreiben. Aus irgendeiner Intuition heraus entstehen vornehmlich englischsprachige Lieder von einer Naivität, die nur ein Anfänger so schreiben kann. Gut ist allerdings was anderes. Nachdem ich dann mit 17 von zu Hause ausziehe lege ich mir ein schäbiges Mikro zu und nehme überlange Songs und verspulte Covers auf, die größtenteils nie ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben. The Sad Sister wollte ich mich damals noch nennen, nach einem Song von Giraffe aus einer auf 12.rec erschienen EP. Mein bester Kumpel war noch immer meine Hauptlernquelle. Irgendwann lege ich die Songs auf Eis, da ich merke, dass ich kaum singen und texten kann. Würde ich den ein oder anderen Song aus dieser Zeit nochmal überarbeiten, würde aber vielleicht dennoch etwas dabei herauskommen. Der Grundstein für alles war also mein naiver Drang zur Kreativität und Eigenständigkeit, den ich ernüchtert aufgab. Aber irgendwie begann „das mit der Musik“ weiter in mir zu arbeiten. Ich verstand nie, warum ich mein Gehör für jegliches akkustische Erzeugnis nicht nutzen wollte um etwas eigenständiges daraus zu machen. Mit meiner damaligen Freundin machte ich dann ein Netlabel auf, Acoustic Firework Records, ein Label für alles melodische, um einen Gegenpol zum mittlerweile recht einseitigen Programm der anderen CC-Labels zu setzen. Leider habe ich das aber so gut wie allein gemacht und irgendwann den Kampfgeist verloren. Fallende Views taten ihr übriges. Aus dem Projekt The Clapping Audience, in dem ich vor allem mich auf die Verbindung von CC-Musik und Film konzentrieren wollte, wurde ebenfalls nichts. Die ganze Chose hat mir aber vor allem in Sachen Präsentation im Internet weitergeholfen – wenn ich auch nicht die Kniffe heraus hab um richtig erfolgreich mit meinen Sachen zu sein, dann wusste ich nun wenigstens, wie es überhaupt mal anzufangen ist. Alles was ich bis hier hin gemacht hatte (diverse Ideen für Bandprojekte und Ideen für Bücher und Romane mit eingeschlossen) fing immer mit einem ehrgeizigen Ansatz an und versandete dann irgendwie. Irgendwie fing ich dann auch an, Gedichte zu schreiben, über die meine Tante nicht lang vor ihrem Tod noch gesagt hatte, dass ich wohl einen Therapeuten bräuchte. Doch für diese wurde ich auch im kleinen Kreis oft gelobt, habe für Freunde einige Lesungen gehalten, und das gab mir den Mut zurück, wieder mit dem Songwriting anzufangen. Mit 18 ungefähr entdeckte ich Gisbert zu Knyphausen und sämtliche Künstler der Welle, die vor einer Weile wohl mal „Neue Deutsche Innerlichkeit“ genannt wurde, für mich und wusste genau: So etwas will ich auch machen, aber anders! Ein Künstlername war rasch gefunden, nachdem ich in Tübingen „Die neuen Leiden des jungen W.“ auf dem Theater gesehen hatte. Edgar Wibeau… Ed.Wibeau! Ein irgendwie naiver, dahergelaufener Dilletant, der mit der Welt verzweifelt, eigentlich auch garnichts kann, aber doch irgendwie durch seine Unfähigkeit sympathisch rüberkommt. Zuerst war die Kamera mein Freund, dann ein USB-Mikrofon, mit dem ich nach wie vor meine Songs aufnehme – weil ich ihm vertraue. Nachdem ich mit dem Mikro einer von meiner Freundin ausgeliehenen Videokamera einiges aufgenommen und das als Demo zusammengestellt ins Netz geladen hatte (Live aus dem Kaninchenbau), wollte ich doch einen Partner in Form eines offenen Netlabels. Digital Kunstrasen ist da nach wie vor mein Verbündeter in allen Lebenslagen, zumindest alle musikalischen und textlichen Ergüsse betreffend. Alles was ich seitdem „offiziell gemacht“ habe kann man hier finden.

Nun ja, nun habe ich in pathetischen Worten meinen musikalischen Werdegang versucht zu skizzieren. Eigentlich geschah alles mehr oder weniger im Vorbeigehen. Und noch ist das keine Erfolgsgeschichte, höchstens eine sehr persönliche, die nach den Maßstäben der heutigen Kulturwirtschaft nicht als solche gelten würde. Persönliches habe ich bewusst außen vor gelassen, auch wenn es mit meiner Musik eigentlich direkt zusammenhängt.)

Was macht nun mich und alles was ich tue aus? Oft war ich auf Konzerten unter Musikern, unter denen über nichts anderes geschwafelt wurde als über Technik. Ich wäre der letzte, der behauptet, Technik (musikalisch oder elektronisch) sei unwichtig! Nur zählt Technik allein nicht. Ich halte das eher mit Jack White, der sinngemäß gesagt hat, er kaufe sich gerne die billigsten Kaufhausgitarren, weil darin die meiste Herausforderung bei den Aufnahmen besteht. Oder mit Max Müller, der in einem Interview von sich gab: „Ich habe im Zweifelsfall stets lieber den Dilettanten zugehört, die aber unbedingt etwas mitzuteilen hatten.“ Dabei sehe ich meine Musik als etwas sehr dilletantisch direktes und echtes an. Ich denke, dass ich der Welt eben etwas mitzuteilen habe. Allerdings ist diese Mitteilung eine eher persönliche als politische. Natürlich fände ich es auch nicht schlecht, ein zweiter Rio Reiser zu sein, ich bin es aber nicht. Nur was sagen schwermütige und leichtfüßige Texte jenseits von ihrem Wortlaut aus? Dass anscheinend grade Gisbert zu Knyphausen eine Welle von Newcomern in der deutschsprachigen Szene hervorgerufen hat, liegt ja letztendlich daran, dass viele begriffen, dass es eben nicht schlimm ist, über sich und seine Probleme zu singen. Welcher Musiker tut das absolut nicht? Welcher Künstler verarbeitet nicht seine Persönlichkeit in seinem Werk? Es ist aber immer auch die Frage offen, wie man diese Persönlichkeit darstellt, ohne zu langweilen. Letzten Endes ist also jede Form von Songwriting eine Art der Selbstinszenierung. Diese muss in den Songs Interpretationen zulassen, allgemeinere Wahrheiten als die eigene miese Stimmung ausdrücken und gemeingültigere Eindrücke hinterlassen als die reine Verzweiflung oder die reine Freude an der Welt. Schließlich ist das Produkt des Songwritings jenseits von Kunst immer Unterhaltung und jenseits von Unterhaltung immer auch Kunst. Um genau diesen Zwiespalt aus emotionaler Intuition und pseudo-intellektueller Konzeption bemühe ich mich auch immer in meinen Songs. Einfach ausgedrückt: Ich mache mir vor einer Aufnahme nie großartig Gedanken über ein Konzept, habe aber trotzdem immer im Hinterkopf, dass am Ende etwas ungewöhnliches herauskommen soll. Aber genauso gut kann man auch das Gewöhnliche zulassen. Klischees sind zum spielen da. Im wesentlichen ist es mir wichtig, dass der Hörer sich in meiner kleinen Selbstinzenierung selber wiederfindet, oder wenigstens die Chance dazu bekommt.

Um auf die Technik zurück zu kommen: Ich mache gerne Gebrauch von ihr. Aber nie bewusst. Ich lege keinen Wert auf Aktualität meiner Geräte, hauptsache sie funktionieren. Ein Tom Waits benutzt ja auch immer noch Tapes für seine Aufnahmen. Ich gehöre halt einfach einer anderen Generation an. Im Endeffekt profitiere ich ja auch von der Welt des Internet. Vor Live-Auftritten scheue ich mich noch oder mag auch den Organisationsaufwand nicht mehr stemmen. Und da kommen wir auch schon zum wesentlichen Problem an meinem Projekt: Die Bekanntheit. Das mag vielleicht jetzt etwas arrogant wirken, ist aber keinesfalls so gemeint. Ich werfe niemandem Ignoranz vor, aber ich frage mich, wo heute noch Bekanntheit zu erlangen ist. Ist es wirklich noch diese Glückssache? Pop-Akademien bilden junge Songwriter und Musiker aus, Bandberatung gibt es an jeder Musikschule. Das muss nicht schlecht sein, Wolfgang Müller oder Alin Coen zeigen das. Und doch wäre das nichts für mich, selbst wenn ich mich verbessern könnte. Denn genau diesen Sound den ich jetzt habe will ich behalten (aber nicht auf ihm herumtrampeln, keine Sorge!). Ich brauche niemanden, der mir sagt, wie ich als Künstler auftrete oder der meine Technik verbessert. Die Technik, die ich jetzt habe, will ich selber auf eigenständige Art und Weise erhalten und verfeinern, mich entwickeln ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Selbst wenn ich je an einer Pop-Akademie landen sollte, mich und meine Musik verbiegt man hoffentlich nicht so leicht. Doch genau damit bin ich auch mehr oder weniger eine Randerscheinung in der populären Kultur. Alles strebt nach Marktfähigkeit, Musik ist von kapitalistischen Prinzipien durchwuchert, denen ich mich nicht gerne ergeben würde. Man sieht einen Haufen Casting-Shows, in denen Stimme und Auftreten zählen. Aber einen Songwriter-Wettbewerb? Der Gewinner ist der, der den innovativsten, aufregendsten und unterhaltsamsten Song schreibt und produziert? Die Menschen nehmen nur die Oberfläche wahr, Stimme, Sound und Auftreten. Natürlich tue ich das genauso, aber es ist genauso wie bei den Frauen nicht das allerwichtigste an Musik. Man muss nicht lupenrein singen können um zu berühren. Wenn man beides kann, hat man aber gewonnen. Ich weiß nicht mal so richtig, ob ich beides kann 🙂

Nun ja, es ist tief in der Nacht. Ich hoffe, diese Ausführungen haben ein Bild von mir hinterlassen. Vornehmlich will ich meinen Hörern mich selber vorführen, um ihnen zu sagen: „Hey, das bin ich! Ich bin so und so, also garnicht so sehr anders als du. Ich verstehe dich. Und im Endeffekt ist vieles schwer, aber du wirst es immer trotzdem schaffen und die Kurve kratzen. Davor lass es dir aber nicht verbieten, echt zu sein, traurig zu sein, oder übertrieben euphorisch. Es ist dein Leben. Mach es so wie ich es mache und leb es aus, wenn auch nur in einer Sache.“ Meine Texte bringen immer die Hoffnung ins Spiel, wenn es garnicht mehr weiter geht. Auch wenn sie mal mehr, mal weniger verschlüsselt sind, so ist es mir wichtig, dass diese Message auch bei euch ankommt. Ich bin ich, und darum bin ich anders und doch gleich. Cheers! News zu neuerem musikalischen Zeug kommen bald bestimmt mal wieder 🙂 und in einer Stunde muss ich schon wieder zur Arbeit.

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