Wo steht die Musik, im Hier und Jetzt???

Vor kurzem stellte ich auf Yahoo Clever mal folgende Frage:

Wo steht die Musik heute, im „hier und jetzt“?

Eine Frage, zu der ich keine richtige Antwort finden kann. Klar ist Musik, klassische wie populäre, ein sich stetig veränderndes und erweiterndes Feld, das man so an sich nicht für den Moment fassen kann. Aber wenn man so auf das letzte Jahrhundert zurückblickt, haben wir hier sämtliche Innovationen, den Rock’n’Roll, die Zwölftontechnik, aleatorisches Komponieren, Punk, Techno, Shoegaze, Post-Rock, Hip-Hop… und jetzt? Ist wirklich alles gesagt? Gibt es sowas wie DEN heißen Scheiß noch? Eine musikalische Entwicklung, deren Zeugen (oder besser gesagt Zuhörer) wir sind ohne es vielleicht zu merken? Und was ist mit der klassischen Musik? Tritt sie mittlerweile auf der Stelle oder verschmilzt sie doch langsam mit der Pop-Musik? Ist musikalische Weiterentwicklung letztendlich doch abgelöst vom Marktdenken des Kapitalismus? Oder kann mir irgendjemand wenigstens eine Skizze der Bewegungen liefern, in der sich die Musik befindet?

Ich bin selber Musiker und stelle mir diese Frage nicht umsonst 😉 Ich kenne mich was Musik anbelangt sehr gut aus, besser als manch anderer, und weiß auch recht genau, was wirklich den Anschein von etwas neuem hat und was nicht. Aber zur momentanen Zeit mag sich mir kein richtiges Bild ergeben. Vielleicht ist es auch nicht EINS, aber wenn jemand der sich auskennt, einige der aktuellen Entwicklungen weiß und benennen kann, wäre es schön, er sagt sie mir. 😉

 

Bis hierhin schon gute Antworten, die aber meinen Skeptizismus eher bekräftigen 😀
Dubstep wäre schonmal eine der Musikrichtungen, die sich wirklich erst im letzten Jahrzehnt in allen Formen entwickelt hat. Das sie gleich vom Mainstream aufgesaugt wurde, finde ich garnicht mal so tragisch. Ich selber stelle diese Frage eigentlich nicht, weil ich mich selber zu einem Pionier machen will, sondern einfach um zu wissen, inwiefern man den Zahn der Zeit bestimmen kann.

Mal ein paar Beispiele der Gedanken, die ich mir so gemacht habe:
In der deutschsprachigen Musik zum Beispiel ist eine neue Welle der Texter erkennbar. Spätestens seit Gisbert zu Knyphausen haben anspruchsvolle, durchaus melancholische Texte wieder mehr Anklag gefunden, und ein sehr von Element of Crime beeinflusster, aber wesentlich weniger chansonhafter Stil hat sich entwickelt. Für diesen las ich letztens den Ausdruck „Neue Deutsche Innerlichkeit“. Zwar ist das an sich nichts wirklich neues, aber in meinen Augen auf jeden Fall eine Weiterentwicklung! Auch insgesamt sind die melancholischeren Töne von Songwritern wie William Fitzsimmons oder Scott Matthew stark präsent.
Eine Rückentwicklung stellt für mich die (bereits erwähnte) Lady Gaga dar, aber vor allem musikalisch. Sie ist in ihrem Auftreten eine weitere unter den sich selbstinszenierenden Frauen wie Madonna, Björk, Grace Jones, Kate Bush, wobei bei ihr natürlich auch vor allem die Provokation im Vordergrund steht. Und dadurch verliert im Gegensatz zu oben genannten dann die Musik völlig an Bedeutung und verkommt zu netten Chartliedchen, die irgendwie vor allem nerven.
Der Dubstep ist insofern innovativ als dass diese Spielart der populären Musik nicht mehr zwingend eine Hook im klassischen Sinne hat. Er benutzt sehr oft das gleiche Konzept und setzt es immer anders um. Die typischen Dubstep-Basslines sind zwar oft beliebig austauschbar, aber sie stellen eben eine neue Auffassung von Musik dar: Musik als etwas SPÜRbares.
Im Indiepop kann man schon seit einiger Zeit eine Tendenz zur Euphorie festmachen. Grade Bands wie Everything Everything, Passion Pit oder (ein wenig kommerzieller) The Naked and Famous machen Musik, die irgendwie zwischen Rock und Elektropop mäandert und oft von der Art her sehr knallig und bunt gestaltet ist. Und ich glaube, dass mit dieser Vehemenz in der Musik schon lange nicht mehr gute Laune herrschte.
Ein letztes: Post-Rock wurde ja so als eine große Hoffnung angesehen Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, da er den Rock ohne seine Mythen und Kulte spielte, sprich wesentlich verkopfter war und dessen Kompositionen auch oft von klassischem Ausmaß sind. Ich sehe hier Vorreiter grade in der Minimal Music und ähnlichem. Bei Bands wie Explosions in the Sky oder Godspeed! You Black Emperor würde ich daher eher von einer Verschmelzung von klassischer Musik und Pop sprechen, ebenso bei isländischen Acts wie Amiina oder Sigur Ros, da hier eben auch eine andere Art des Zuhörens gefragt und dies auch eine andere Art des Songwritings ist, durch komplexe Strukturen, etc. Hoffe mal, der Gedankengang ist einigermaßen verständlich. Leider hat Postrock in den letzten Jahren aber auch eher sich selber wiederholt.
Die Klassik der heutigen Zeit ist mir aber ein wenig ein Rätsel… Man hört ja auch nichts von den wirklich zeitgenössischen Komponisten. Oder wenig, es gibt ja Leute wie Nils Frahm, Olafur Arnalds oder Johann Johannsson, die so etwas wie klassische Musik machen….
Aber gut, jetzt hab ich mal versucht, ein wenig zusammenzufassen, was MIR so zu dem Thema einfallen mag. Bin nach wie vor gespannt auf weitere Antworten

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Eine Antwort zu “Wo steht die Musik, im Hier und Jetzt???

  1. „Ist musikalische Weiterentwicklung letztendlich doch abgelöst vom Marktdenken des Kapitalismus?“
    Ich empfehle ihnen u.a. folgendes: http://www.amazon.de/Fabrikation-globaler-Vielfalt-transnationalen-Popmusikindustrie/dp/3899428501

    http://www.amazon.de/%C3%96konomie-Musikindustrie-Michel-Clement/dp/3824407981

    Ich werde später auf meinem Blog was zu diesem Thema veröffentlichen. Im Moment kann ich keine differenzierte Meinung abgeben….

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